Things reloaded - Carola Bürgi

 
Interduction by Sabine Arlitt 
 

Things reloaded neue Arbeiten von Carola Bürgi in der Galerie La Ligne, Zürich

 

Materialpotenzial facettenreich in den Raum gemalt 

Aus Repetition erwächst Variation. Das Gleiche erhält in der ballenden Reihung ein anderes Gesicht. Was sich plastisch präsentiert, ist in steter metamorphotischer Modulation begriffen in der Zeit, im Raum, im Zusammenspiel mit dem Licht. Haben Sie, liebe Vernissage-Gäste, das subtile Rauschen des Luftzugs gehört, verursacht vor allem durch Sie selbst, durch Ihr Eintreten in den Ausstellungsraum. Ein Rascheln, wie es einst die parfümierten Damen in ihren taftenen Krinolinen-Kleidern begleitete. War damals die Bewegungsfreiheit enorm eingeschränkt, gerät Carola Bürgis fragile Luft-Skulptur bei kleinsten Vibrationen mehr hörbar, denn sichtbar in Schwingung. Die Zeiten ändern sich und in der Zeit geschieht Veränderung. Eine gleichsam im Raum verströmte Poesie modifiziert den Prozess des Assoziierens und Wahrnehmens grundlegend.

 

Es scheint, als könnten wir die Luftenergie wie in einem ballonartigen Gebilde sich artikulierend wahrnehmen und ebenso visuell wie haptisch empfinden. «Poesie ist für mich der Anfang, wo Sprache endet und Bilder entstehen», sagt Carola Bürgi. Und weiter: «Sie ist eine mögliche Schnittstelle zwischen Realität und Traum, zwischen Wort und Bild. Zwischen Worten mit einer genauen Funktion und solchen, die Räume öffnen.» Ihre Poesiebeschreibung ist gleichzeitig eine Beschreibung des eigenen Werks. Ich hatte das Glück, ihr Atelier bei herrlichem Sonnenschein erstmals zu betreten. Ein realer Zauber durchströmte den Raum, der mit jedem einzelnen Werk visuelle Gedichte aufnahm und diese darüber hinaus, bei aller Eigenständigkeit, miteinander in einen Dialog treten liess.

 

Dieses Kommunizieren spielt auch in der aktuellen Ausstellung. Strukturen, die an Moleküle erinnern, finden in unterschiedlichen Realisierungsgraden ein Echo. Die abgetrennten Böden von PET-Flaschen verkoppeln sich zu variantenreichen Ausformungen. Plastiksäcke formieren sich um Hulahoppringe oder dienen in den Malerei-Hybriden als Druckstöcke für eigentliche Mal-Monotypien. Sie hören es, da tauchen Wörter in meinen Annäherungen an Carola Bürgis Werk auf, die es so nicht gibt. Die neuen Räume, die eröffnet werden sollen, verlangen im Grunde konsequenterweise nach einem neuen Wortschatz, nach Wörtern, die zu Transmittern neuartiger Verbindungsweisen werden.

 

Carola Bürgis Kunstschaffen lebt entscheidend von gestischen Setzungen und Aktionen. Zentrale Bedeutung hat die Geste des Umhüllens, die verschleiernd und verwandelnd wirkt und dem metaphorischen Kokon neues Leben, neue Qualitäten entlockt. Es geht um die Dämpfung der Wahrnehmung im verschleierten Durchscheinen, um schliesslich in der konzentrierten Nahsicht Durchsicht zu erleben, dadurch das Transparentwerden reiner Eigenschaften und Potenziale zu erfahren mit allen Sinnen. Verborgene oder neu erschaffene Inhalte zeigen sich oder entstehen durch die besonderen Eigenschaften der Verpackung wie auch deren gestischer Handhabung. Seit einigen Jahren verwendet Carola Bürgi für die membranartigen, hautähnlichen Umhüllungen hauchdünne Frischhaltefolie aus dem Supermarkt.

 

Herzstück von Carola Bürgis Schaffen ist das Ausloten von Materialien. Sie untersucht ­ gleichermassen forschend wie experimentierend welche Möglichkeiten in einem Material stecken, um es in eine Formenvielfalt übergehen zu lassen, um Raum zu entwickeln. Gleichzeitig strebt sie auch einen Funktionswechsel in einem engeren Sinn an. Es gibt Arbeiten von ihr, in denen ein ausgedienter Regenschirm das Gerüst einer Plastik bildet, auch umgenutzte Metallkleiderbügel fanden Verwendung für ein skulpturales Körperskelett. Vorgefundene und gekaufte Industriematerialen werden wie Module eingesetzt, um neue Formgebilde zu kreieren. Die Grenzen zwischen freilegen und aufbauen, zwischen skulpturalem und plastischem Schaffen verwischen sich, auch die zwischen Skulptur und Malerei.

 

Carola Bürgi will feste Vorgaben aufweichen, sie will wortwörtlich Skulpturen mit der Qualität der Lichtdurchlässigkeit durchbrechen, aufbrechen, sie im übertragenen Sinn beweglicher machen. Die Onomatopoesie, die Kunst, Laute in Worten zu malen, ist ein rhetorisches Mittel aus dem Bereich der Sprache. Vor den hier in der Ausstellung vertretenen Arbeiten hatte ich die Empfindung, dass auf eine sehr ähnliche Art und Weise Beweglichkeit und Entwicklungspotenzial mittels visueller Eindrücke und Erinnerungen «gemalt» und artikuliert würden.

 

Die Biene betrachtet die Umwelt durch ihre zwei großen Facettenaugen wie das menschliche Auge ist es aus Linsen aufgebaut. Das Facettenauge besteht jedoch aus ungefähr 6000 Einzelaugen, daher nehmen die Bienen Objekte gerastert wie ein Pixelbild wahr und sehen nicht wie wir Menschen ein einziges scharfes Bild. Ich habe sie nicht einzeln gezählt, die PET-Flaschenböden, die Carola Bürgi für ihre Arbeiten mit dem Titel «Oculus compositus» verwendet hat, doch sicher eine ganze Menge. Ein Pixel wird auch mit einer Bildzelle übersetzt. Das PET-Gebilde erscheint wie ein biologischer Organismus. Mutation ist ein Inbegriff von Wandelbarkeit. Plötzlich denkt man an Mikroorganismen, Lebewesen, die von blossem Auge nicht sichtbar sind. Carola Bürgis fragile, dennoch in sich äusserst stabile Körper wirken, wie wenn das Unsichtbare, das Unbekannte von Materialien gleichsam in seiner Potenzialität in den Raum gemalt worden wäre.

 

Die Assoziationen kristalliner Ablagerungen spannen den Bogen vom Auge zum Gebilde beim Eingang, das die Gedanken hin zu Wasserhosen und Kristallleuchtern schweifen lässt, weiter zu den mit einer Schraubenzwinge gehaltenen, wie unzählige Horizonte hintereinander gestaffelten Butterplatten mit dem Titel: «Der unerschöpfliche Gegenstand». Zu diesem Titel wurde Carola Bürgi durch ein Gedicht von Rainer Maria Rilke (1875-1926) inspiriert, welches ich Ihnen gerne vortragen möchte, da es auf eine geradezu kongeniale Weise auch den sinnlichen Zauber der konzeptuell verankerten Handlungsgesten der Künstlerin einfängt. 

 

Rose, du thronende, denen im Altertume

Warst du ein Kelch mit einfachem Rand.

Uns aber bist du die volle zahllose Blume,

Der unerschöpfliche Gegenstand.

In deinem Reichtum scheinst du wie Kleidung um Kleidung

Um einen Leib aus nichts als Glanz;

Aber dein einzelnes Blatt ist zugleich die Vermeidung

Und die Verleugnung jedes Gewands.

Seit Jahrhunderten ruft uns dein Duft

Seine süssesten Namen herüber;

Plötzlich liegt er wie Ruhm in der Luft.

Dennoch, wir wissen ihn nicht zu nennen, wir raten.

Und Erinnerung geht zu ihm über,

Die wir von rufbaren Stunden erbaten.

 

Zu Marcel Duchamps Lieblingswerkzeugen gehörten der Humor und das Lachen. Carola Bürgi hat sich da durchaus anstecken lassen. Augenzwinkernd verweist ihr springbrunnenartig angelegtes Werk «Fontaine» auf Duchamps «Urinoir». Das Wasser ist im Fluss, mal wurde es aufgenommen, mal abgelassen, es ist da und doch verschwunden. Wind- und Wasserhosen sind Tornados, die das Sich-Drehen, Wenden und Umkehren im Wortstamm haben. Mehrere verschieden hohe Flaschengestelle hat Carola Bürgi mit Folie bespannt. Diese «Temporary shape» ist vorläufig, vorübergehend und in einem verweisenden Sinn auch zeitgebunden. «Things reloaded» heisst ihre Ausstellung, Dinge werden umgeladen und neu geladen, da können auch kleinere Hommagen an ihr wichtige Menschen mitgedacht sein.

 

Strenge Erscheinungsweisen der konkreten Kunst und kühle Gestaltungsweisen der Minimal Art löst sie spielerisch auf. Legendäre Ausstellungen wie «When attitudes become form» und «Supports/Surfaces», mit denen sie dank ihrer engagierten Lehrerin in Genf, der Künstlerin Carmen Perrin, vertraut gemacht wurde, haben sie inspirierend geprägt. Carola Bürgi lässt die Farbe selbst zum Motiv werden. Die Materie der Farbe trifft auf das Licht der Farbe, das die Wände bemalt, den Raum. «Spacedust» und «Colorfog», Raumdunst und Farbnebel, heissen ihre Schubladenobjektmalereien, die der Schubladisierung adieu sagen. Mit einer schwarzen Stretchfolie hat sie auf einer schwarzen Leinwand gemalt Farbe bewegt sich.

 

© Sabine Arlitt, Zürich, im April 2019