Einführung durch Sabine Arlitt

Ode Bertrand: Quatre vingt dix regards, Galerie La Ligne Zürich

 

Pure Linien filtern Präsenz

 

Neunzig Blicke, neunzig Jahre ein schlichter und treffender Ausstellungstitel, der mir sehr gefällt. Dennoch reizte es mich, diese neunzig Blicke mit 365, 24, 60 und nochmals 60 in Gedanken zu multiplizieren. Ode Bertrand schaut unentwegt. Sicher: es gibt auch Ruhephasen. Das fiktive Zahlenspiel steht im Dienst einer Hommage auf eine unermüdliche kreative Neugier. Es gibt kein Stillstehen in diesem subtilen Schaffen, wobei es im Innern auch ganz zentral um aufmerksame Dauer geht.

 

Von grosser Bedeutsamkeit ist Ode Bertrands Gedankengang, dass das Repetierende nicht mit der Repetition verwechselt werden solle, also nicht mit dieser aus einem Missverständnis heraus gleichgesetzt werden darf. Es geht um keine blosse Wiederholung, um keine blosse Variation, wenn Strich um Strich von neuem gesetzt wird. Die Sprachwissenschaft kennt mit «Repetitio» eine rhetorische Figur der Wiederholung: einzelne Satzglieder werden dabei wiederholt, um eine Aussage zu verstärken und die Eindringlichkeit zu steigern. Ode Bertrand sucht die Annäherung an das Unsagbare sie spricht von Präsenz, der sie Ausdruck in einer eigenen Weise des Da-Seins verleiht.

 

Im Vollmondschein doch,

Wo ich auch geh und stehe,

Ein andrer Himmel!

                                (CHIYO-NI)

 

 

«Ein Versuchen und Fragen war all mein Gehen», notierte Friedrich Nietzsche. 

 

Mit einer Ausstellung von Ode Bertrands Arbeiten eröffnete die Galerie La Ligne vor 16 Jahren ihre erste Ausstellung. Sie ist die «Patin» der Galerie, die ihr nun zu ihrem neunzigsten Geburtstag eine fein verwobene Ausstellung mit Rückblicken, aktueller Gegenwärtigkeit und potenziellen Zukunftsausblicken widmet. Der rote Faden der gebürtigen und noch immer in ihrer Geburtsstadt lebenden Pariserin ist der Strich und somit die Linie in unterschiedlichster Realisation. Farbe kommt hie und da zum Zuge, oftmals nur anklingend, oftmals nahe beim Schwarz.

 

Ode Bertrand wird mit ihren geometrisch basierten Arbeiten der konstruktiv-konkreten Kunst zugerechnet. Für mich begleitet sie in entscheidendem Masse eine freie Orientierung in Zeit und Raum. Sie orientiert sich zwar an Ordnungen, sprengt jedoch unentwegt Ordnungsgrenzen. In eigenen Worten sucht sie das Chaos in der Ordnung herbeizuführen. Vieles ist immer fast genau dadurch vielleicht gerade präziser, vielleicht «Im Nu des Perfekten», so der Titel einer tiefgründig wunderbaren kleinen Publikation, zu suchen.1

 

Darin enthalten sind Werke des Ideengestalters James Lee Byars (1932 1997) und «100 Haiku für jetzt». Auch das bereits zitierte Haiku von CHIYO-NI entstammt diesem Band.

 

 

Morgendämmerung

Durch den trüben Nebeldunst

Dringt der Glocke Ton.

                                    (BASHŌ)

 

 

Das Haiku gilt als die kürzeste Gedichtform der Welt. Ode Bertrand dichtet zuweilen mit nichts als der Linie. Sie erschafft choreografierte Bewegungsszenarien. Ihre Arbeiten sind getragen von Rhythmen. Sie enthalten Schlüssellöcher zum Licht. Herzstück des künstlerischen Schaffens sind die Miniaturen, dichte Kleinode: meist 10cm x 10cm. Linien überlagern sich, sie kreuzen sich. Linien strahlen aus oder sie laufen den Blatträndern entlang. Sie berühren sich, sie verbinden, verschränken, verketten sich. Sie verdichten sich und brechen auf. Ode Bertrands Linien öffnen Räume, die den Betrachter sachte leiten und ihn das Licht subtil erkunden und erfahren lassen.

 

 Im Dazwischen der Linien erhält unfassbar Wirkendes erfahrbar Präsenz. Zwischen struktureller Anlage und netzartiger Materialisierung ereignen sich Transformationen; es macht sich bemerkbar, was stetig seiend ist. Gitter und Raster erzeugen Durchlässigkeit. Etwas kann durchdringen auf immer andere Art und Weise: fliessen, vibrieren, sich zerstreuen, schwingen, durchpulsen, durchleuchten, erfüllen, beleben, sich auf den Weg, sich auf eine Reise machen.

 

«Mystik ist der Versuch, in einen Zustand ursprünglicher Gegenwart vorzustossen», heisst es in einem im letzten Jahr in der NZZ erschienenen Artikel von Alois M. Haas. Der emeritierte Professor für ältere deutsche Literatur hat sich intensiv mit Fragen der Mystik auseinandergesetzt. Er zitiert ein Gedicht aus dem 7. Jahrhundert aus der Sammlung «Schōdō-Ka» («Gesang vom Erleben der Wahrheit»), das ich in Teilen mit Blick auf die mystische Offenheit anführen möchte, um eine erste Annäherung an Ode Bertrands Umgang mit Linie und Strich zu wagen:

 

Ein und derselbe Mond spiegelt sich

In allen Wassern.

Alle Monde im Wasser

Sind eins in dem einzigen Mond. ( )

 

 

«Ode Bertrand, lignée pour seul trait», lautet der Titel einer filmischen Annäherung an die Person und das Werk der Pariser Künstlerin, die Guillaume Lavit d Hautefort realisiert hat. Unzählige Linien münden in einen einzigen Strich, ein Strich erweist sich als potenziell grenzenloses Gefäss für unendlich viele Linien. Ode Bertrand, die mehr als 35 Jahre als Assistentin ihrer Tante Aurélie Nemours wirkte, hat selbst viel über Mystik gelesen und in diesem Bereich eingehende und äussert anregende Gespräche gerade auch mit Aurélie Nemours geführt.

 

Ode Bertrand war professionelle Tänzerin, und Tänzerin ist sie in modifizierter Form ihr Leben lang geblieben. «Chorégraphiste de la ligne», wurde sie jüngst in der französischen Kulturzeitschrift L OEil genannt. Anklänge an Tanzfiguren und Tanzschritte glaubt man vor allem in den Miniaturen wahrzunehmen. Die Blicke der Betrachter und Betrachterinnen werden im Zuge einer Interaktion in Bewegung gehalten, zuweilen auch durch optisches Reizpotenzial aktiviert. Gleichzeitig verlangen die Arbeiten nach einer länger andauernden Aufmerksamkeit, um den Nuancenreichtum zu realisieren und gleichsam ins Innerste zu gelangen. Das Eingehen, eine Art sensibles Bewohnen, wird zum Durch-Dringen.

 

Je intensiver ich mich auf das rhythmische Geschehen in Ode Betrands Schaffen konzentrierte, desto wichtiger wurden Begriffe wie Intervall und Dauer. Der griechische Philosoph und Musiktheoretiker Aristoxnos, der im vierten Jahrhundert vor Christus lebte, soll seine Rhythmik weitgehend analog zur Harmonik aufgebaut haben, wie überliefert ist. Er definierte einen Rhythmus als Dauernfolge parallel zur Intervallform der Harmonik. Er berücksichtigte in seiner Theorie drei Rhythmisierungsebenen: Sprechen, Gesang und Körperbewegung. Auf der Ebene der Körperbewegung bot sich als Verständnishilfe das Bild der Tanzschritte an. Er soll in seiner Rhythmuserforschung auch inkommensurables unwägbares Dauern einbezogen haben.

 

Das Unwägbare, Ambivalente, spielt auch in Ode Bertrands Schaffen eine grosse Rolle. Chaos und Ordnung treten in Relation und beeinflussen einander. Was als dynamisierende Verschiebung erscheint und irritiert, dabei das Auge buchstäblich hüpfen lässt und den Geist regelrecht aus der Fassung bringt, basiert oftmals auf einer schlichten Auslassung, einer Leerstelle, die kein Leerraum ist. Das Bestreben, die Leerstelle zu überbrücken, relativiert sich: nicht die Vervollständigung ist das Ziel, viel bedeutsamer ist das Wahrnehmen eines alles umfassenden, aktivierenden Mediums. In der Fläche gehaltene Staffelungen entwickeln eine plastisch sich artikulierende Vieldimensionalität. Luzid ist das Vokabular einer gleichsam vorsprachlichen Ausdrucksweise. Es wird markiert, doch nichts fixiert. Die Gestimmtheit bezeugt ein Stadium vor der Bezeichnung. Ode Bertrands Arbeiten sind durchwirkt von Rätselhaftem, sich darauf einzulassen, vermag ein tiefgreifendes Gefühl von beinahe beschwingter Glückseligkeit heraufzubeschwören. Tatendrang und Mystik verschmelzen.

 

 

Die Schmetterlinge

Was sie wohl träumen mögen

Beim Flügelspreizen?

                                      (CHIYO-NI)

 

 

 

Der Zufall wird zum Mitspieler in den spielerisch-experimentellen Atelier-Aktionen der fallen gelassenen Bänder, die sich unkontrolliert zu Faltengebilden formatieren, Raumausschnitte umreissen, neue Räume eröffnen und zu Bildideen werden. Die Falten-Würfe wirken zuweilen wie vom Wind aufgeblähte strukturelle Anlagen für raumgreifende Gerüste, die von Körperbewegung und Körperdurchdringung betont physisch erzählen. In einer ganz eigenen, unprätentiösen Interpretation des berühmten und viel zitierten Wittgenstein-Satzes wird die Welt zu dem, was der Fall ist, was das Fallenlassen hervorbringt. Loslassen sprengt Grenzen, die Demut und das Schlichte sind beste Voraussetzungen dafür. Zeichnen gedeiht in Stille und Zurückgezogenheit auf eine besondere Art. Es hat viel mit Füllung und Erfüllung in einer sich steigernden, meditativ anmutenden Wiederholungshandlung zu tun. «Trait» impliziert eine Aktion, der Strich ist die Aktion des Zeichnens einer oder mehrerer Linien. Nur die Linie allein wirkt konstituierend, kein Schatten, keine Modellierung. Das geometrische Vokabular wird auf subtile und filigrane Art und Weise «biegsam» gemacht. Welch eine Leichtigkeit ist vielen Werken eigen! Wie viel Räume beherbergen die organisch-linearen Gerüstarchitekturen? Die Medien vermengen sich.

 

Die Tänzerin

 

Er fasst nach mir

Im sprungleichten

Kreisen

und Wirbeln

vogelleicht flog ich

in seine Hand

und stand.

 

Seid still,

ich muss lauschen.

Wer ist,

der mich will?

Er hat mich gefunden,

gebunden.

 

Jetzt tanzen dafür

die Sterne in mir.  

                   (verfasst von der Nonne und Schriftstellerin Silja Walter)2

  

 

Auf einem kleinen, intensiv blauen Gemälde erscheint alles wie Falten in der Zeit. Die Faltungen legen Bahnen in labyrinthischer Offenheit. Das Dasein beruht auf Kontakt, Berührung, Zusammentreffen.

 

 

 

Frühling läßt sein blaues Band

Wieder flattern durch die Lüfte;

Süße, wohlbekannte Düfte

Streifen ahnungsvoll das Land.

( )3 

 

Liebe Ode Bertrand, nachträglich alles Gute zum Geburtstag: die Sterne tanzen im Innern

 

© Sabine Arlitt, Zürich, im April 2021

 

 

 

 

 

 

 

 

 

1 Im Nu des Perfekten. Werke von James Lee Byars und 100 Haiku für jetzt, hrsg. von Heinrich Heil, Piet Meyer Verlag, Bern 2010

 

2 «Die Tänzerin» gehört zu den Gedichts-Meditationen, die Silja Walter im Jahre 2002 zu Ernst Barlachs Figurenzyklus «Fries der

    Lauschenden» schuf. Der Schweizer Komponist Carl Rütti setzte es in Musik um.

    Siehe https://liturige.ch

 

3 Eduard Mörike, Er ists, in: Deutsche Lyriker vom 16. bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts, Orell Füssli Verlag, Zürich 1962, S. 214