Guillaume Thunis
Geboren 1991 in Belgien, wo er lebt und arbeitet
Vertreten durch die Galerie La Ligne seit 2026
Guillaume Thunis. Die Sekunden zeichnen
Auf den ersten Blick könnte man meinen, Guillaume Thunis wolle den Augenblick einfangen. Das ist jedoch nicht der Fall. Was er mit der Geduld eines Handwerkers gestaltet, ist eine Zeitspanne. Durch die methodische, fast meditative Wiederholung elementarer Gesten (ein Punkt, der sich verankert, ein Strich, der sich ausdehnt, ein Raster, das sich webt) schafft der Künstler klare Strukturen. Doch unter der Strenge des Protokolls zirkuliert ein Hauch. Es sind die winzigen Abweichungen, diese fröhlichen kleinen Verräter der Hand, die das Blatt beleben. Zwischen Regel und Schwingung, Kontrolle und Atem wird das Papier zum Gefäß einer Zeit, die sich nicht mehr zählen lässt, sondern geschrieben wird.
Lob der Wiederholung
Wiederholen. Beharrlich sein. Von vorne beginnen. Bei Guillaume Thunis ist das Zeichnen Ausdruck einer sanften Hartnäckigkeit: eine
Geste, die erprobt und verfeinert wird, bis die Wiederholung selbst seine Komposition befruchtet und Variationen entstehen lässt, die ebenso subtil wie unvorhersehbar sind. Wie ein Musiker, der seine Tonleitern übt, um ihre Seele zu befreien, arbeitet der Künstler an einer Bewegung, nicht um sie zu verhärten, sondern um sie zu öffnen. Angesichts der Einfachheit seiner Entwürfe denkt man an eine Lobpreisung der Wiederholung. Nicht jene, die ermüdet oder einschläfert, sondern jene, die den Geist stabilisiert, um das Auftauchen eines Zitterns besser aufzunehmen. Die Punkte vermehren sich, die Linien streifen einander, die Striche lassen sich zähmen. In dieser scheinbaren Strenge kommt ein organisches Zittern zum Vorschein, da hier nichts jemals streng identisch ist. Diese Suche verankert sich in einem bewusst reduzierten Rahmen. Tinte und Papier sind seine einzigen Vertrauten. Fernab vom Spektakulären lehnt der Künstler Effekthascherei ab. Er bevorzugt die Nüchternheit eines Rasters, die Poesie eines Mosaiks oder die Präzision einer Punktkonstellation, die durch Anhäufung schließlich ein Territorium zeichnen. Eine geduldige Geografie aus Schwellen und Übergängen.
Die Zerbrechlichkeit des Lebendigen
Guillaume Thunis spielt mit den Codes der Planung: Man glaubt, eine Karte, einen Stadtplan, einen Versuch zu erahnen, die Realität durch Geometrie zu bändigen. Doch die Lesart wird immer wieder durchkreuzt , sodass unser Blick in einer doppelten Fokussierung gefangen bleibt. Aus der Ferne drängt sich die Struktur mit ihrer Logik auf (ein Ganzes, eine Organisation, ein Schema). Aus der Nähe entdeckt man ihre Verletzlichkeit. Kleine, fast unmerkliche Abweichungen verschieben das Gleichgewicht, lassen die Symmetrie ins Wanken geraten, um umso deutlicher an die Zerbrechlichkeit des Lebendigen zu erinnern. Diese Spannung schafft eine beunruhigende Verwandtschaft mit der sinnlich wahrnehmbaren Welt. Ihre Motive können an Textilien, die Maserung einer Haut, die Erinnerung an aufeinanderfolgende Schichten erinnern, während sie doch in der Abstraktion verbleiben. Doch diese Abstraktion ist keine ästhetische Haltung. Sie ist Erfahrung. Eine Erfahrung der Zeit. Diese Zeichnungen zu betrachten bedeutet, bereit zu sein, das Tempo zu drosseln. Jede Komposition ist ein Archiv des Handgangs: ein intimer Kalender, der nicht die Stunden, sondern die Gesten und die Herzschläge zählt.
Das Papier als Partner
Die Reduzierung der Mittel hat nichts von einer oberflächlichen Askese. Im Gegenteil, diese Ökonomie schafft die Voraussetzungen für eine Intensität. Für Guillaume Thunis ist Papier niemals ein neutraler Träger. Es ist ein Komplize: empfindlicher und aufnahmefähiger als Leinwand, saugt es die Tinte auf, leistet manchmal Widerstand, saugt sich voll, verfärbt sich. Es speichert den Druck des Schreibrohrs, aber auch jedes Zögern, jede Gewissheit. Die Geste wird so zur Schrift. Eine schriftliche Typografie, eine Grammatik des Winzigen, die an die orientalische Kalligraphie erinnert. Man findet darin diese Aufmerksamkeit für den Atem wieder, diese Vorstellung, dass ein einfacher Strich den ganzen Körper einbezieht. Manchmal lauert die automatische Schrift. Wenn die Aufmerksamkeit nachlässt, ohne zu verschwinden, übernimmt die Hand die Oberhand. In diesem Moment scheint die Zeit zu verschwinden… und bewahrt paradoxerweise doch die Dringlichkeit einer fragilen Gegenwart, die es zu bewohnen gilt. Selbst die Ränder, die weit davon entfernt sind, auf leere oder periphere Zonen reduziert zu sein, wirken wie aktive Schwellen: Sie intensivieren das Ausdrucksfenster, das sie bestimmen. In diesem Raum lotet Guillaume Thunis den Begriff der Sättigung aus. Eine fast organische Sättigung, als würde das Blatt auf seine Weise daran erinnern, dass die Natur das Leere verabscheut.
Geduld als Widerstand
Durch diese Disziplin wirkt der Ansatz des Künstlers wie die Suche nach einem bewohnbaren Gleichgewicht zwischen dem Bedürfnis nach Kontrolle und dem Wunsch nach Loslassen. Guillaume Thunis schreitet voran wie ein Seiltänzer.
Nichts ist gefestigter, und doch ist nichts instabiler.
Entgegen dem Bild, das sich ebenso sehr verbraucht, wie es verbraucht wird, erzwingt sein Werk eine Politik der Aufmerksamkeit. Es wählt die lebendige Ungewissheit und die Schönheit der Unvollkommenheit. Es ist ein physisches Werk, fast performativ, das Tag für Tag mit vorbildlicher Beharrlichkeit aufrechterhalten wird. Ein stiller Beweis dafür, dass Geduld nicht als abstrakte Tugend erscheinen kann, sondern als eine Form des Engagements, das den schönsten aller Widerstände mit sich bringt.
Gwennaëlle Gribaumont
Öffentliche Sammlungen (Auswahl)
Galila’s P.O.C. Bruxelless, Belgien
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